Wenn selbst Pflanzen Schatten brauchen
„Investieren wir in die Wachstumsbereitschaft der Kitas und geben ihnen die Unterstützung, die sie ganz individuell für ihr Wachstum benötigen, so werden wir eine blühende Landschaft voller Vielfalt sehen.“
Wer mich kennt und meinen Beiträgen hier im Blog oder bei LinkedIn folgt weiß, dass ich die frühe Bildung gerne mit dem Wachstum der Pflanzen in Verbindung bringe. Als ich oben beschriebenes Zitat damals, im April und im Dezember 2022, in meinen Beiträgen verankert habe, ging es mir vor allem um die unsichtbare Kraft der frühen Jahre. Darum, dass Wurzeln der Anker eines Menschen sind, der uns ein Leben lang prägt. Und darum, dass das, was wir heute im Kita-Bereich nicht stärken, morgen nicht tragen kann.
Doch in diesen extrem heißen Sommertagen bekommt das Bild von den Wurzeln und den hängenden Blättern eine ganz neue, erschreckend konkrete Bedeutung.
Denn Wurzeln wachsen nicht nur durch Zuwendung und Zeit. Sie wachsen vor allem durch die Umgebung. Selbst unser Familienhase weilt aktuell in unserem kühlen Badezimmer und nicht außen in seinem Stall. Die Hitzebelastung ist einfach viel zu gefährlich.
Wenn die Rahmenbedingungen nicht mehr stimmen
Wir alle wissen intuitiv: Wir würden im Hochsommer keine Pflanze in ein geschlossenes Gewächshaus stellen – ohne Schatten, ohne Kühlung, ohne ausreichend Wasser. Ihr Wachstum würde stocken und am Ende würde sie vielleicht sogar eingehen.
Und doch muten wir genau das – oft still und leise – unseren Kindern und Teams in den Einrichtungen zu. Überhitzte Räume, flirrende Luft, müde Körper und verständlicherweise dünne Nervenkostüme. Aber Wachstum und echte frühkindliche Bildung finden nicht im Dauerstress statt.
Ein Kind kann nur so gut wachsen, wie es die Bedingungen zulassen. Wenn die Rahmenbedingungen – das „Außen“ – nicht mehr stimmen, können sich die Blätter nicht entfalten, die Entwicklung stockt. Hitze ist längst kein Randthema mehr. Sie betrifft die Wirtschaft, wie auch die Basis der frühpädagogischen Arbeit und zeigt uns etwas Grundsätzliches: Bildung braucht verlässliche Schutzräume.
Was wir heute schon tun können (Innerhalb unserer Grenzen)
Es geht im ersten Schritt nicht darum, sofort die gesamte Welt aus den Angeln zu heben. Es geht darum, im Hier und Jetzt hinzusehen und das Richtige ernst zu nehmen. Oft scheitert es an finanziellen Mitteln, an Unterstützung, am eigenen hitzebelasteten Nervenkostüm. „Hitzefrei in der Kita?", war eines der Themen der neuesten Podcastfolge der Kitarechtler. Ja, auch in der Kita „schlägt der Kinderschutz den Betreuungsanspruch" (Holger Klaus). Und auch in der Wirtschaft ist das Thema Hitze längst angekommen (Tagesschau).
Mithilfe von Werkzeugen wie der Kita Canvas kann auch in Krisenzeiten hingeschaut werden, welche kleinen, individuellen Schritte für das eigene Team machbar und nachhaltig sind:
- Schatten aktiv gestalten: Wo Bäume fehlen, müssen mit einfachen Mitteln wie Sonnensegeln oder Tüchern Schutzräume kreiert werden.
- Den Rhythmus anpassen: Wenn die Hitze es verlangt, den Tagesablauf flexibel in die kühleren Morgenstunden verlegen.
- Wasser als Ressource: Wasser nicht nur zum Trinken, sondern als Element zum Abkühlen und Erleben selbstverständlich zugänglich machen.
- Reize bewusst reduzieren: Hitze belastet das Nervensystem. Ein reizarmes Umfeld und bewusste Ruhephasen kühlen auch die Gemüter herunter.
- Gegenseitige Entlastung: Erwartungen herunterschrauben (auch von Elternseite) und als Team eng zusammenrücken, statt zusätzliche Ansprüche zu stapeln.
Den Sozialraum öffnen: Wer fängt uns auf, wenn es zu heiß wird?
Wachstum braucht ein ganzes Dorf – und manchmal auch die Nachbarschaft. Wenn das eigene Kita-Gebäude kapituliert, lohnt sich der Blick über den Zaun in den Sozialraum. Können Netzwerke aktiviert oder von Strukturen profitiert werden, die bereits da sind.
- Klimatisierte Oasen im Quartier nutzen: Warum nicht die heißen Mittagsstunden dorthin verlegen, wo ohnehin gekühlt wird? Kooperationen mit der örtlichen Stadtbibliothek, dem Stadtteilzentrum oder dem Mehrgenerationenhaus bieten Kindern kühle Rückzugsorte und gleichzeitig neue Bildungsräume.
- Was wir von modernen Bürokonzepten lernen können: Viele alte, umgenutzte Bürogebäude stehen vor exakt demselben Hitzeproblem – und haben Lösungen gefunden, die auch für Kitas spannend sein können.
- Die Nachbarschaft einbinden: Lokale Unternehmen, Handwerksbetriebe oder die Feuerwehr können vielleicht unkompliziert unterstützen – sei es durch das spontane Spenden von großen Sonnensegeln, das Bereitstellen von schattigen Werkstattflächen oder eine kurze Abkühlung durch den Hydranten auf dem Hof.
Die eigentliche Frage für unsere Zukunft
Wenn wir aber ganz ehrlich hinschauen und das Problem an der Wurzel packen wollen, müssen wir größer denken. Viele der Kita-Gebäude wurden für ein Klima gebaut, das es in dieser Form schlichtweg nicht mehr gibt.
Die Transformation hin zu einer zukunftsfähigen #NewKita bedeutet auch, die physische Umgebung an die gesellschaftlichen und klimatischen Veränderungen anzupassen. Die Frage ist nicht, ob wir uns verändern und anpassen müssen. Die Frage ist, ob wir es rechtzeitig tun.
Denn wenn im Kita-Alltag die Blätter hängen, ist das kein Zeichen von Schwäche. Es ist ein unübersehbares Hilfesignal.

Quellen:
https://www.tagesschau.de/wirtschaft/weltwirtschaft/hitze-wirtschaft-kosten-klimawandel-100.html
https://youtu.be/LsA3hD4r5gc?si=bslrfpY-Oe7FAyQe (Kitarechtler-Podcast)










